The Two Old Sages

Die beiden alten Weisen

 

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Hermann Hesse

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Carl Gustav Jung

 

Hesse and Jung could be my two grandfathers - Hesse on my mother's and Jung on my father's side. The age would be approximately right. One could say that in his old age Jung clearly resembled my father with his glasses, white hair and pipe, etc. My father was a follower of the teaching of the Free Economy, a theory about healing the economy. Similarly, when it comes to explaining the world, the system of C.G. Jung has become dominant for me over the years. Between the Cartesian-Newtonian and the New Thinking, I as a human being always find a solution in Jung's thinking. And just that fact could mean that I have finally overcome my private Oedipus complex; since, according to Freud, this overcoming of the Oedipus complex generally means identifying with the parent of one's own sex. The need for religion and the love of music, however, are both attributes of Hermann Hesse and I inherited them from my mother's side. Jung didn't devote much time to music, not because he wasn't musical, but because music to him contained too much archetypal material and thus was difficult for him to tolerate. This was more the case with Beethoven and Schubert, not so much with Mozart and Haydn. Apparently he had a special connection to Wagner. Jochen Kirchhoff tried to show in his book "Klang und Verwandlung" ("Sound and Transformation") that classical music, especially its themes or melodies, with its four-beat rhythm shows so-called "archephonic" elements - in analogy to Jung's archetypes, which produce images. In music the composer can easily fuse two contrary sequences of notes into a harmony culminating in the so-called "counterpoint", as Hesse described it in the "Kurgast". Thus, in the course of my life, western classical music has become more and more a refuge and a shelter to me, an infinite source of consolation and a home for my soul; in that it cannot be compared to anything. And if I still weep on occasion, I do it while listening to an opera by Wolfgang Amadeus Mozart, this millennium figure, this perhaps greatest genius of the known history of man.

Christian Messerli

Hesse und Jung könnten meine beiden Grossväter sein, und zwar Hesse derjenige mütterlicherseits und Jung der väterlicherseits. Das Alter würde auch etwa stimmen. Es ist zu sagen, dass Jung im Alter deutlich meinem Vater glich, mit Brille, weissem Haar, Pfeife etc.. Mein Vater hing der Freiwirtschatslehre an, einer wirtschaftlichen Heilstheorie. Aehnlich ist für mich vielleicht im Laufe der Jahre das System von C.G. Jung so etwas wie dominant geworden, wenn es darum geht, die Welt zu erklären. Bei Jung finde ich als Mensch zwischen Kartesianisch-Newton'schem und Neuem Denken stets eine Lösung. Und gerade das könnte die endliche Ueberwindung meines privaten Oedipuskomplexes darstellen, die ja nach Freud ganz allgemein darin besteht, dass man sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil identifiziert. Das Bedürfnis aber nach Religion und die Liebe zur Musik, beides Attribute von Hermann Hesse, stammen bei mir von der Mutter her. Jung beschäftigte sich nicht viel mit Musik, nicht weil er unmusikalisch war, sondern weil die Musik für ihn zuviel archetypisches Material enthielt, sodass sie ihm schwer erträglich war, und zwar weniger Mozart und Haydn als Beethoven und Schubert. Ein besonderes Verhältnis soll er zu Wagner gehabt haben. Jochen Kirchhoff hat in seinem Buch "Klang und Verwandlung" versucht darzulegen, dass die Klassische Musik, besonders das Thema oder die Melodie mit ihrem Vier-Takte-Rhythmus sogenannte archephonische Elemente aufweist - in Analogie zu den Bilder erzeugenden Archetypen Jungs. In der Musik kann der Komponist zwei gegenläufige Notenfolgen im sogenannten Kontrapunkt mühelos zu einer Harmonie zusammenfügen, wie Hesse im "Kurgast" beschrieben hat. Und so ist für mich die klassische abendländische Musik im Laufe meines Lebens immer mehr zu einem Hort und zu einer Zuflucht, zu einem nie versiegenden Quell des Trostes und zu einer seelischen Heimat geworden. Sie hat darin ihresgleichen nicht. Und wenn es noch vorkommt, dass ich weinen muss, dann bei einer Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, dieser Jahrtausendfigur, diesem vielleicht grössten Genie der bekannten Menschheitsgeschichte.

Christian Messerli

bildkli

Ich bin, seit ich das oben festgehalten habe, bald danach in einen regelrecht wankelmütigen Zustand geraten, und zwar, indem ich an der Jung‘schen -sagen wir ruhig- Heilslehre irre wurde. Ich entdeckte die Wissenschaft, die Naturwissenschaft, von der ich noch einige Jahre vorher voller Überzeugung behauptet hatte, dass ich sie verachtete. Bei meiner neueren Lektüre stiess ich aber auf ihren jüngsten Zweig, die Neurologie bzw. die Hirnforschung. An ein Dogma kann man nur glauben. Jung betonte immer wieder, dass seine Wissenschaft empirisch sei und erwähnte einmal, dass er nicht zu glauben brauche, dass er wisse. Wenn man das annehmen konnte, hatte man in der Tat das Heil und damit die Heilung gefunden. Aber die Hirnforscher, wenigstens einige davon, lokalisieren nun das Unbewusste und damit auch das Jung‘sche Selbst und die Archetypen im Gehirn. Alles Seelische, Psychische hat seinen Ursprung im Gehirn. Damit bildet sich aber nicht eine neue Lehre heraus, sondern wissenschaftliche Tatsachen. Das Unbewusste enthält nichts Metaphysisches, stellt Wolf Singer fest. Die Wissenschaft ist aber noch nicht soweit fortgeschritten, dass sie dies erhärten kann, und Singer selbst glaubt an Gott. Er erträgt es nicht, gottlos zu sein. Also sind sowohl die Analytische Psychologie als auch die monistische Neurologie angreifbar. Und meine anfängliche Begeisterung für die Hirnforschung ist auch schon wieder verflogen. Jedoch lasse ich mich immer noch mitreissen etwa von der Argumentation meines Kollegen und Freundes P.B., der, so kommt es einem vor, ein überzeugter Realist ist wie etwa der homo faber bei Max Frisch. Das ist einfach so und ist durch meinen Werdegang bedingt. Aber die humanistische Tradition ist nicht verflogen. Sie bedrängt mich geradezu. Bald trauere ich ihr nach, bald begegnet sie mir verklärt. Bald bekomme ich Wutanfälle Ich lebe weitgehend in der Erinnerung. Wehmut überkommt mich, wenn ich an die Jugend zurückdenke, hauptsächlich an die Gymnasialzeit. Aber das vielleicht auch ganz normal. „Man denkt nur mit dem Herzen gut“ sagt der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry .

Christian Messerli 15.6.2013

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